Zur Lage der arbeitenden Klasse in Deutschland

Donnerstag, 18. Januar 2024, 18:15 Uhr
Hörsaal SCH3, Scharnhorststr. 100, 48151 Münster

Digital Nomads, Liefer-Helden, Cloud-Working, Mindestlohn, Pflegekräfte, Büroarbeit etc.

Zur Lage der arbeitenden Klasse in Deutschland

Vortrag und Diskussion mit einem
Gastreferenten der Zeitschrift Gegenstandpunkt
 

„Die Lage der Arbeiterklasse“ – was soll das sein? Eine Geschichts­stunde über das 19. Jahrhundert, Manchester? Oder über die stolze Vergangen­heit des Ruhr­gebiets mit seinen Kohle­kumpeln? Oder über den unter­drücke­rischen Arbeiter-und-Bauern-Staat im deutschen Osten, den es längst nicht mehr gibt?

Überhaupt: „Arbeiter“? Wer heut­zutage so daher­redet, macht sich lächer­lich, outet sich als dogma­tischer marxisti­scher Roman­tiker. Denn jeder weiß doch: Große Industrie­beleg­schaften in Blau­männern sind total out, sie sind kein passendes Bild für die heutige Berufs­welt, denn die ist vor allem unverkenn­bar vielseitig und bunt.

Stimmt. Da verdienen Liefer-Helden und Digital Nomads mit ihrem Laptop bzw. auf dem Fahrrad Geld, ganz frei und individuell. Es gibt Jobs für alle Kompetenz­niveaus, persön­lichen Vorlieben und auch für knappe Zeit­budgets, und jeder Posten steht allen Geschlechtern offen. In den Büros, den klassischen wie denen im eigenen Wohnzimmer, wird KI- und Cloud-gestützt gearbeitet – ohne antiquierte Stech­uhr, zu Vertrauens­arbeits­zeiten …

Und? Gibt es da etwa keinen gemein­samen Nenner? Kennt den nicht auch jeder, irgendwie?

Die modernen Arbeits- und Beschäf­tigungs­verhält­nisse hinter all dem bunten Lack und den vielen Buzzwords mögen alles Mögliche sein, in selt­samer Ein­tönig­keit sind sie vor allem ziemlich prekär. Das gilt denselben Leuten, die über die neuen digi­talen Möglich­keiten so gerne staunen, inzwischen als so normal, dass aus­gerech­net die biederen, bescheidenen Arbeits- und Lebens­verhält­nisse der Blau¬männer aus dem vorigen Jahr­tausend wie ein ferner Traum anmuten: „Diese Zeiten“, so hört man, mit lebens­langer Betriebs­zugehörig­keit, „Samstags gehört Vati mir“ und geregel­tem Feier­abend, sind für die Masse der erwerbs­tätigen Mensch­heit „nun mal einfach vorbei“. Wer sich heut­zutage zur Stamm­beleg­schaft in einem großen Industrie­unter­nehmen zählen darf, um die sich nebenbei noch eine gewerk­schaft­liche Lobby kümmert, gilt da schon als jemand, der es gut getroffen hat …

Angeboten wird eine abweichende Bilanz über die modernen Arbeits­verhält­nisse in Deutschland und darüber, wie sehr die poli­tische Obrigkeit in all ihrer Zuwendung in der aktuellen Infla­tions­lage praktisch davon ausgeht, dass sie es bei ihrem Erwerbs­bürger­volk nach wie vor mit einer lohn­arbeitenden Klasse zu tun hat. Auch wenn von der niemand mehr etwas wissen will – am wenigsten die Betroffenen selbst.